Wir Musiker werden nie wirklich erwachsen
Der oscarprämierte Filmkomponist Hans Zimmer über die Vorteile von Blu-ray, Geschäfte beim Abendessen und seinen deutschen Hut.
FOCUS Online: «Gladiator» erscheint nun erstmals auf Blu-ray. Bringt dieses hochauflösende Format eigentlich auch etwas für den Film-Komponisten?
Hans Zimmer: Klar, die Datenmengen sind größer, deshalb kommen auch der Ton und die Mischung besser rüber.
FOCUS Online: Kontrollieren Sie die Qualität? Zimmer: Manchmal, bei der «The Dark Knight» haben wir das noch genau gemacht, weil das meine erste Blu-ray war.
FOCUS Online: Was ist denn die Minimalvoraussetzung, um Sie für einen Film zu interessieren? Ein fertiges Drehbuch ...
Zimmer: Daran glaube ich nicht. Die erste Voraussetzung ist ein gutes Abendessen mit einer guten Flasche Wein. Man muss genug Zeit haben, sich gegenseitig Geschichten zu erzählen, und irgendwann kommt man dann auch auf die Geschichte des Films – und wenn das interessant klingt, kann man auch was zusammen machen.
FOCUS Online: Setzen Sie sich noch ans Piano oder an ein Keyboard zum Komponieren?
Zimmer: Eher selten. Eigentlich habe ich die Melodien mittlerweile schon im Kopf und mache mich dann an den Computer, wo die Tonfolge geschrieben wird. Dann kommt ja noch das Arrangieren, die verschiedenen Instrumente und so ...
FOCUS Online: Sie sind auch immer Ihr eigener Produzent?
Zimmer: Natürlich, das ist eine der Hauptarbeiten. Ich komme vom Rock ´n‘ Roll und da ist der Produzent für den Sound, den Dreh des Ganzen verantwortlich. Ich suche mir die Musiker zusammen, das Studio und die jeweilige Aufnahmetechnik, um eben einen bestimmten Sound hinzukriegen.
FOCUS Online: Kam Lisa Gerrard, deren Stimme den «Gladiator»-Soundtrack prägt, eigentlich über Russell Crowe, mit dem sie bereits für «The Insider» arbeitete, zu Ihnen?
Zimmer: Nein, die Geschichte war ganz anders. Ich erzähte meiner Frau, dass ich einen Gladiatoren-Filme machen würde. Sie meinte nur, «Ja, ihr Jungs, immer diese Machospiele mit Schwerten und Schlachten ...» und ich dachte, irgendwie hat sie ja Recht. Der Film sollte nämlich direkt mit der Schlacht im Wald beginnen. Also sagte ich zu Ridley Scott, «das kriegen wir doch noch besser hin, oder?» und durchsuchten das ganze Material nach Alternativen. Dann kam der Cutter mit dieser Szene, in der Russell mit der Hand durch Ähren im Kornfeld streicht. Dann habe ich Lisa Gerrard angerufen und gefragt, ob sie da mitmachen würde. Als ich ihr auf Nachfrage sagte, es ginge um einen Gladiatoren-Film mit Russell Crowe, hatte sie aber kein Interesse mehr. Als ich das Ridley erzählt habe, meinte der nur, «komm, wir schicken ihr den Film». Darauf hat sie dann doch Ja gesagt. Später erzählte sie mir den Grund für ihre erste Ablehnung. Sie hatte «The Insider» noch nicht gesehen und hatte Angst, das es so aussehen könnte, als ob sie jedes Mal, wenn Russell auf der Leinwand erscheint, dazu singt.
FOCUS Online: Sie haben bei der großen Rom-Szene Ihren «deutschen Hut» aufgesetzt und sich auf «Wagner-Land» begeben, meinten Sie ...
Zimmer: Ja, das ging sehr viel einfacher, als ich erst dachte. Aber es ist auch keine wirklich gute Wagner-Imitation oder Parodie. Ridley hat das ja so im Stil von Leni Riefenstahl inszeniert, insofern war das eine Art Insider-Joke.
FOCUS Online: Wann setzen Sie denn diesen Hut sonst noch so auf?
Zimmer: Immer. Man kann seinen Akzent, seine Herkunft nicht verleugnen. Schließlich bin ich in Deutschland aufgewachsen, obwohl wir Musiker nie wirklich erwachsen werden.
«Man gründet eine Kleinfamilie»
FOCUS Online: Sie arbeiten über die Jahre immer wieder mit bestimmten Regisseuren zusammen, etwa auch Ridley Scott ...
Zimmer: Klar, man gründet da eine Art Kleinfamilie über ein Jahr hinweg, in dem man zusammen arbeitet. Das ist sehr intensiv und intim, da muss man sich gut verstehen und mögen. Jetzt zum Beispiel mit «Batman»-Regisseur Chris Nolan: Der hat sich ein Haus um die Ecke gekauft, wir gehen zusammen mit unseren Kindern an den Strand, die spielen dort, und wir sitzen ein bisschen abseits, reden über unsere Ideen und werden krebsrot.
FOCUS Online: Sie scheinen sich auch nach jedem großen Studioprojekt wieder einer kleinen unabhängigen Produktion zu widmen?
Zimmer: Ja, aber ich habe da keine Regel. Es kommt auf den Stoff an, auch wie er geschrieben ist. Wenn es etwas Besonderes ist ...
FOCUS Online: Wie schafft es dann ein Jo Baier, Sie für seinen «Henri IV»-TV-Film zu gewinnen?
Zimmer: Na ja, Heinrich Mann, von dem der Roman stammt, ist ja nicht gerade ein schlechter Autor. Nein, aber ich mochte den Jo gern, als er mich zusammen mit der Produzentin Regina Ziegler besuchte. Und so klein ist diese Produktion auch nicht, die ist größer als manches hier in Hollywood. Es geht mir auch gar nicht darum, zwischendurch immer einen kleinen Film zu machen, sondern eher jeweils einen nicht amerikanischen. Letztes Jahr habe ich etwa für einen kleinen mexikanischen Film komponiert, einfach auch, um mich einmal auf eine andere Kultur einzulassen.
FOCUS Online: Kann man sich als Filmkomponist eigentlich auch eine Einspielbeteiligung erkämpfen, so wie sie die Stars und manche Regisseure erhalten?
Zimmer: Durchaus, da muss man nicht mal so hart kämpfen. Die wissen schon, was man wert ist. Es heißt immer, wie grausam Hollywood ist, aber das ist eher bei kleinen Produktionen ein Problem, wo aus Finanzierungsgründen Fremdgelder, gern auch aus Mafia- oder anderen düsteren Quellen, hereinkommen. Bei normalen Studioprojekten wird man eigentlich schon ganz gut behandelt, das ist zumindest meine Erfahrung, seit ich 1988 herkam.
FOCUS Online: Sie haben einmal den Oscar gewonnen, waren sechsmal dafür nominiert. Das letzte Mal war für «Gladiator», ist also acht Jahre her. Eine Belastung für Sie?
Zimmer: Nein, gar nicht. Man muss sich dafür bewerben, das selbst einreichen. Und ich habe das schon lange nicht mehr gemacht, ehrlich gesagt, gehe ich da auch nicht so gerne hin. Es ist so ein Trubel, und das Essen ist auch schlecht. Ich gehe gern auf die Partys hinterher und die am Vorabend. Letztes Jahr hat man mich allerdings noch mal gedrängt, «The Dark Knight» einzureichen. Aber das hab ich dann so zynisch gemacht, dass das natürlich wieder nichts geworden ist. Ehrlich gesagt hat sich auch mit meinem Oscar nicht so viel geändert ...
FOCUS Online: Die Minimalgage wohl sicher?
Zimmer: Nicht mal die, die geht höchstens hoch, wenn die Filme Kassenschlager sind. Das Einzige ist vielleicht, dass ich nach dem Oscar interessantere Projekte angeboten bekam.
0 comments | write a comment19:26, 2009-09-19posted by L.K